Ausgewähltes Gekritzel

(alt) Die Sache mit dem Touran: Eine (nicht) ganz normale Fahrzeugabholung im schönen Wolfsburg…

Von Oliver Gmeinder

Aus der Kategorie “Lustiges zur Winterszeit” eine kleine Geschichte, die sich wirklich so zugetragen hat und die ich ein wenig adaptiert aus der Sicht des Protagonisten schreibe.Viel Spaß beim Lesen!

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Endlich ist er da!

Heute hatte ich den Brief der Volkswagen Aktiengesellschaft in der Post.

Der lang ersehnte Neuwagen wartet am kommenden Wochenende in der pittoresken Autostadt Wolfsburg auf uns.

Meine Frau wollte mich ja damals bei Bestellung von einem anderen germanischen Qualitätsprodukt überzeugen. „Der ist billiger und schaut doch nett aus…!“ Nett??? War das nicht der kleine Bruder eines Wortes, dass man nicht in den Mund nimmt? Wie auch immer.

Ich habe mir damals eigentlich geschworen niemals ein spießiger Fahrer der Kategorie Familien-Van mit „O“ zu werden, wenngleich ich mich oftmals schmerzlich an meine Jugendsünde – ein schnittiges Coupé mit edlem Fuchsschwanz – zurück erinnern muss. Diese Liaison brachte mir den zweifelhaften Spitznamen „Fuchs-Manni“ ein, mit dem ich noch heute zu kämpfen habe. Da ich aus rein privater Motivation (der Spitzname!) von der Marke mit O weg wollte, hatte ich somit nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera. Nichts für ungut, aber ich bin in Gedanken einfach Sportwagenfahrer – eigentlich.

Aber zurück zum Thema. Der Meinige soll nun nach langem Kampf mit der Gattin und der obligatorischen Überweisung von min. 24.900€ an den freundlichen um die Ecke ein VW Touran 1.6 TDI mit spritzigen 105 PS werden. Diese werden sich subjektiv aber auf Sportwagenniveau bewegen, diesbezüglich bin ich mir ganz sicher. Immerhin: Ein Turbo und 250 NM Drehmoment – mehr als mein Manta von damals! Platz für den Nachwuchs hat er und der Kofferraum ist mit 695- 1.989l (Sitzbank aufgestellt/ umgeklappt) auch in nicht unerheblichem Maße vorhanden. Gegen 725 € übrigens auch als 7-Sitzer erhältlich für das maximale Familienglück. Also gut.

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Es hätte so schön werden können…

Ich würde mich also in den Zug setzen und mir einen familienfreien Tag gönnen, um die Familienkutsche direkt in der sagenumwobenen Autostadt (www.autostadt.de) in Wolfsburg abzuholen. Ein Widerspruch in sich? Vielleicht. Aber der Gedanke daran das Automuseum in der Autostadt zu erkunden und Männerträume zu erleben ließ mein Herz höher schlagen und sollte mich aus dem tristen (Familien-) Alltag entführen.

Leider hat meine holde Frau den Brief der oben genannten Aktiengesellschaft ebenfalls in die Hände bekommen und schlug vor dieses Jahrhundertereignis mit einem Familienausflug zu verbinden. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber wenn es nach mir gegangen wäre, würde ich in Wolfsburg einen schnittigen Eos abholen oder zumindest einen Golf R mit ordentlich Pferdchen unter der Haube. Sie wissen ja: Ich bin Sportwagenfahrer im Geiste. Der Touran war, sagen wir es so, ein Kompromiss bei dem ich wenig zu melden hatte. Ich konnte Frau nur mit Mühe von der Marke mit „O“ abbringen und schlug geistesgegenwärtig das Pendant dazu aus Wolfsburg vor. Mir war fast alles Recht, denn aktuell bewegten wir einen alten zweifarbigen (Rot und Rost) Ford Scorpio. Eine freundliche Gabe des Schwiegervaters, der froh war das Ding endlich los zu haben. Soweit so gut. Es war mir dennoch nicht bewusst, dass sich Frau und Kind derart für diesen Event interessieren würden und sich das Ganze in einem Desaster auflösen würde.

Doch eines nach dem anderen. ..

Sei es wie es ist, dachte ich mir und habe mich daraufhin mit den Verbindungen der Deutschen Bahn auseinander gesetzt und die Fahrkarten gebucht. Die horrenden Preise und die Verspätungsdramaturgie der DB seien an dieser Stelle einfach mal kommentarlos hingenommen. Da sich Wolfsburg nicht direkt um die Ecke befindet, habe ich noch ein Hotel mit dazu reserviert, um möglichst entspannt wieder Zuhause anzukommen. Wie gesagt, meine Frau funktionierte das Ganze zu einem Familienausflug par excellence  um und seit meiner Zeit als Taxifahrer gibt es nichts was ich mehr hasse als endlose Nachtfahrten. Obgleich man als Taxichauffeur immer neue Leute kennenlernt, ist man nach einigen Jahren die Geschichten auch leid.

Die Zugfahrt nach Wolfsburg hat mich dann massiv an diese Zeit erinnert. Oma Nolte in der Sitzreihe gegenüber hatte Probleme sich bei Ihrem leicht schwerhörigen Mann Gehör zu verschaffen. Der Frauen-Skat-Club e.V. neben uns war da eher harmlos. Unser Filius war – Gott sei Dank – eher unausgeschlafen und nutzte die Zugfahrt um sich auszuruhen. Frau begnügte sich mit dem neusten Klatsch und Tratsch aus der Boulevardpresse und ich dachte darüber nach, wie es wohl wäre Millionär zu sein.

Nach endloser Verspätung, quod erat expectandum und der DB sei Dank, sind wir nach kurzer Taxifahrt nun endlich in der Autostadt angekommen und würden in Kürze unseren  allerersten Neuwagen und gleichzeitig teuerstes Familienmitglied (gleich nach meiner Frau) in Empfang nehmen.

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Zum Auto gab es den obligatorischen Blumenstrauß von einer Hostess, die ich am liebsten mit eingepackt hätte – man verzeihe mir den Gedanken – sowie eine Einführung des Wagens durch einen hoch motivierten VW Mitarbeiter. „Trainee“ stand auf seinem Namensschild. Der Herrgott weiß was nun diese Anglizisme wieder bedeuten mag.

Gelangweilt vom BlaBla des „Trainee“ und etwas neidvoll blickte ich auf den Mann im Designeranzug neben uns, der seinen Touareg V8 TDI in Empfang nehmen durfte. In Gedanken stellte ich mir vor, wie schnell wohl mein roter Familienwagen auf 100 Km/h wäre mit 340 Diesel-Pferdchen unter der Haube. Als der Gute noch seine Mittzwanzigerin im Schlepptau leidenschaftlich küsste, hat sich bei mir auch die Illusion zerschlagen, dass es sich hier bestimmt um seine Tochter oder Sekretärin handeln würde.

„Was soll`s!“ – dachte ich mir und widmete meine Aufmerksamkeit wieder „Trainee“, Frau, Kind und Auto. Immerhin ist meiner sozusagen „Ferrarirot“ (klingt besser als es aussieht, aber gut). Mal sehen wie der Touran gleich so fährt. Stolz auf meinen ersten Neuwagen war ich allemal und man kann eben nicht alles haben im Leben.

Frau hatte nach Abwicklung aller Abholmodalitäten den glorreichen Vorschlag Neuwagen samt Filius in einen mit dem Auto befahrbaren Zoo zu dirigieren, so dass auch der Junior auf seine Kosten käme. Er liebt ja Elefanten und genau dieses Highlight bot sich ganz in der Nähe.
Leicht genervt von der unendlichen Tollpatschigkeit meiner Holden, die es direkt nach Übernahme beim Einsteigen geschafft hat mit Ihren Stöckelschuhen die Einstiegsleisten des Touran anzuschrammen, fügte ich mich Ihrer Macht und steuerte mit gemischten Gefühlen besagten Zoo an. Man möchte ja Frau und Kind möglichst bei Laune halten. Bei KM-Stand 19 bemerkte ich dann im Rückspiegel wie der Junior auf einem Schokoriegel kaute… SCHOKORIEGEL??? Entsetzt und verwundert zugleich schwante mir fürchterliches. Natürlich ist der kleine Rotzlöffel wohlerzogen, aber das sich ein Autopolster nicht mit Schokokrümeln verträgt schien Ihn nicht wirklich zu interessieren. Leicht pikiert wies ich Frau an sich um den Kleinen zu kümmern. Die meinte aber nur schnippisch, dass ich mich nicht so anstellen solle und ein Auto ja nur ein Gebrauchsgegenstand sei. Dank alten Geheimrezepten würde man alles wieder aus dem Sitz heraus bekommen. Die Schokoaktion und anschließende Aussage hat sich nicht direkt entspannend auf mein Nervenkostüm ausgewirkt, aber der befahrbare Zoo versprach ein wenig Abwechslung. Also nichts wie rein.

Wenn’s kommt, kommt’s dicke…

Abwechslung im wahrsten Sinn hatte ich, als ich neben einem Elefanten anhielt, der in etwa die Dimension unserer Neuanschaffung hatte. Ich dachte mir: „Bloß nicht erschrecken den kleinen Elefanten“ – und stellte den Motor ab. Interessiert umkreiste dieser unser Fahrzeug und streckte neugierig seinen Rüssel durch das doppelt Handbreit geöffnete hintere Seitenfenster, welches Junior kurz davor genutzt hatte, um verbotenerweise sein ominöses Schokoladenpapier zu entsorgen. So gar nicht erpicht von dem nahen Anblick des XXL Rüssels gab der Kleine alles… Das Ganze in einer Tonhöhe, die mir einen Schauer über den Rücken trieb und dem Elefanten scheinbar auch. Dieser quittierte Juniors Geschrei prompt mit einem Tritt gegen unsere neue Errungenschaft… direkt in die hintere Tür und machte sich im Laufschritt aus dem Staub.

Es folgten wiederum ein Schrei des Kleinen, sowie ein Kreischen meiner Frau.

Meine Nerven!

Ich darf zusammenfassen:

  • KM-Stand 0: Einstiegsleiste vorne rechts verkratzt, dank meiner Holden
  • KM-Stand 19: Sitz hinten links voller Schokoladenflecken
  • KM-Stand 32: Delle hinten links und Nerven am Ende

Minimal (Ironie!) gestresst und nach einer angeregten Diskussion mit Frau, die natürlich mir die Schuld an der Sache gab, suchten wir auf direktem Weg das Hotel auf.

Kopfwehgeplagt und auf Kriegsfuß mit der Familie fand ich mich noch am selben Abend an der Hotelbar für einen Absacker ein und war erfreut meine alten Jugendfreunde Johnny Walker und den altehrenbürtigen Gorbatschow in Flüssigform zu treffen. Seit Jahren hatte ich keinen Kontakt mehr zu selbigen und wir hatten uns viel zu erzählen. Es half mir in diesen schweren Stunden mich zu beruhigen. Die Beruhigung war gar so stark, dass ich die Zeit völlig vergaß und an der Bar wohl kurz eingenickt zu sein schien… Glauben Sie ja nicht, mich hätte jemand geweckt. Morgens um halb sieben bin ich von der Putzfrau „gefunden“ worden. Oder war es deren Zwillingsschwester? Nachdenklich warum Putzfrau samt Zwillingsschwester im selben Hotel arbeiten, schleppte ich mich in Richtung meines Zimmers.

Meine Frau schlief noch und schien mein Fehlen nicht bedenklich gefunden zu haben. Nun gut.

Nachdem kurz darauf der Wecker geklingelt hat, wir kurz gefrühstückt und soweit alle morgendlichen Pflichten erledigt hatten, haben wir uns dann doch noch abfahrbereit zusammen gefunden und die Heimreise angetreten. Mehr oder weniger genervt und mit einem Kater in Elefantengröße.

Ich wollte nur noch Heim und mich beim Fußball schauen entspannen.

Auf dem Heimweg kurz vor der Autobahn passierte es dann. Ca. 70 m vor der Kreuzung schaltete die Ampel auf gelb. Ich also einen Gang runter und aufs Gas.  Nachdem der Vordermann schon fast über der Linie war, schien er sich es doch noch anders zu überlegen und betätigte beherzt die Bremse. Bei der üblichen Reaktionszeit und dem nötigen Bremsweg aus 60+ Km/h reichte der Platz leider nicht mehr ganz aus und ich krachte dem Guten trotz massiven Drucks auf die Bremse hinten rein. KM.Stand: 54! Herrlich…

Die herbeigeeilte Polizei hat den Unfall zunächst als Routineschaden aufgenommen, bis der eifrige POM (Polizeiobermeister) den Schaden an der Türe hinten links erspäht hat. Auf die Frage, woher der Schaden bei dem noch keine 2 Tage alten Auto käme, antwortete ich ehrlich und kopfwehgeplagt:

„Da hat gestern ein Elefant dagegen getreten Herr Wachtmeister“!

Doch schon eine Millisekunde nachdem diese Worte über meine Lippen kamen schwante mir fürchterliches. Diese Antwort hatte der fleißige POM scheinbar nicht erwartet und kam sich leicht veräppelt vor. Resultat war der (O-Ton) „routinemäßige Alkohol-Test“. Dieser fiel aufgrund meiner durchzechten Nacht mit 0,6 Promille leider etwas zu hoch aus.

Resümee:
Ein Neuwagen mit Frontschaden, einer Delle in der Tür, zerkratzen Einstiegsleisten und Schokoflecken auf dem Rücksitz sowie eine Anzeige wegen Trunkenheit am Steuer inkl. Geldbuße und Fahrverbot!

Eben eine ganz normale Fahrzeugabholung…

Bilder: Volkswagen Media Services

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