Ausgewähltes Gekritzel

(alt) G63 AMG: Elefant auf Speed sucht Terrain zum Austoben – 33 Jahre CULT und kein Ende in Sicht.

Von Oliver Gmeinder

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Um es vorweg zu nehmen: Dieser Blogeintrag wird wahrscheinlich etwas umfangreicher, da ich leider keine Zeit haben werde mich kurz zu fassen. Beim Thema Geländewagen/ SUV bin ich einfach sehr gespalten. Noch dazu waren es einfach interessante Eindrücke mit einem besonderen Weggefährten. Nicht immer ganz einfach und keine Liebe auf den ersten Blick, aber dennoch mit Happy End?

Zugegeben bin ich persönlich auch definitiv kein Fan von Geländewägen und der gesamten Armada an (großen) SUV`s, die auf den deutschen Straßen umher fährt. Das hat aber nichts mit den Autos per se zu tun, sondern liegt schlicht daran, dass in unseren Breitengraden eher wenig „richtiges“ Gelände für derartige Fahrzeuge vorhanden ist, als vielmehr –und das ist der eigentlich springende Punkt – die Tatsache, dass das Gros der Masse an SUV´s und auch Geländewägen in Ihrem gesamtem Autoleben nicht einmal wirklich Gelände in irgendeiner Form erfahren werden.

„Ich will höher sitzen“ ist so eines der Hauptargumente (allen voran meine Tante, Ihresgleichen Fahrerin eines X Modells aus dem Portfolio eines Münchner Konzerns), die ich immer wieder höre in diesem Zusammenhang. „Er gibt mir ein sicheres Gefühl“ oder „Man kann so viel einladen“. Ok, mein persönliches Gegenargument wäre: „Packt Euch ein Kissen auf den Fahrersitz und setzt einen Motorradhelm auf und schon wird der Standardfamilienkombi zur fahrenden Festung mit ähnlicher Übersicht nach hinten. Umgeklappt passten auch die Einkäufe hinein. Doch sind wir mal ganz sachlich und blenden Emotionen aus, so spricht in Deutschland für den Normalbürger aus der Großstadt nichts für ein SUV oder gar Geländewagen. Ich nenne hier bewusst beide Spezies im selben Satz, denn für mich ist irrelevant, wie geländegängig die Gefährte sein KÖNNTEN. Sie sind größer, teurer in der Anschaffung und im Unterhalt, verbrauchen meist mehr, sind in der Regel unübersichtlicher und bieten fahrdynamisch eher Nachteile. Aber man sitzt halt höher…

Ergo: Die Kisten braucht man eigentlich nicht wirklich (in deutschen Städten). Gewagte These? Dazu sage ich nur: „Schöne Aussagen sind nicht immer wahr und wahre Aussagen nicht immer schön“.  Wir kommen auch gleich zum ABER…

3,2,1…ABER: Sind es nicht gerade die Underdogs, die Nischen oder und die geschassten Unterschätzten, die dann glamourös aus dem eigenen Schatten hervortreten? Blendet man Argumente und Zahlen einfach mal aus und lässt die Emotion, das Herz zu… Es gibt wunderbar unvernünftige Autos, also warum nicht auch PRO SUV & G?

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Da war es! Das G ohne „eländewagen“ und es bringt uns direkt zum G-Modell von Mercedes-Benz, welches seit nunmehr 33 Jahren extrem erfolgreich in seiner bekannt, kantigen Version optisch nahezu unverändert gebaut wird. G steht dabei ganz trivial für Gelände. 33 Jahre!!! Ich selbst bin 33 Jahre alt/ jung und stelle mir gerade vor, wie es wäre immer mit denselben oder ähnlichen Klamotten umhergelaufen zu sein. Facelift hab ich übrigens keines erhalten. Gut, ich bin auch kein G-Modell, obwohl mein Nachname auch mit G anfängt. Offen gesagt bin ich auch noch keine AMG Variante desselben gefahren bis dato. Premiere stand aber kurz bevor: 14 Tage G63 AMG sah der Kalender vor. Ich war skeptisch und da bin ich ehrlich. Ich durfte bereits viele (im Prinzip alle) AMG Modelle erfahren und assoziiere damit sofort ein sportliches Asphaltauto mit blubberndem V8 Sound und dem Autogramm des Motoreningenieurs auf der Plakette unter der Haube. Bei der Kombo G und AMG eckte ich aber irgendwie an. Den G selbst hatte ich immer als DAS Geländeauto in erster Linie für die Bundeswehr im Hinterkopf – extremer Nutzwert, Bodenfreiheit, Verschränkung usw. G Professional und so (die Arbeitstiervariante). Das Design finde ich persönlich ganz cool und auch wenn die ersten G schon als Oldtimer gelten, so haben die zahlreichen kleinen optischen Retuschen immer recht gut getan und kaschieren gut die 33 Jahre. Man (er-) kennt Ihn einfach und selbst der Nicht-Geländewagenfahrer hat zumindest schon mal ein G-Modell gesehen. AMG kennt ebenfalls fast jeder, der in irgendeiner Form ein Faible für Autos hat und daher fand ich die Kombo doch recht spannend.

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Der erste Eindruck bei Erspähen des Objektes der Begierde war definitiv vorfreudigst… aber auch mit gemischten Gefühlen gepaart. Der/ Das G-erät ist monströs, ehrlich und hat mich wieder daran erinnert, dass ich bis dato sehr selten in einem G saß. Ich bin mit 1,92 m sicher nicht klein, aber vor/neben/ hinter (wahrscheinlich auch unter) dem G kam ich mir recht klein vor. Innen gewohnt Daimler. Bis auf die drei Knöpfe für die Differenzialsperren in der Mittelkonsole alles AMG, wie man es eben kennt. Im Cockpit ein Hauch S-Klasse und ansonsten bekannt gut verarbeitet Der Testwagen war natürlich bis unter das Dach vollgepackt mit allem was die Aufpreisliste hergibt. Das rot schwarze designo Interieur ist für meinen Geschmack eine ideale Symbiose aus sportlich und luxuriös. Weißes Exterieur und die titangrau lackierten und glanzgedrehten 20 Zoll AMG Felgen standen dem in nichts nach. Dass man in einem G sitzt war einem auch sofort klar, nachdem man den Fahrerthron erklommen hatte. Die fast senkrecht stehende Frontscheibe und das bekannte „Plack“ (Tonmodus wäre jetzt toll) der Türen sind ebenfalls ganz klassische Attribute und taten ihr übriges dazu. Im Stand harmoniert soweit auch alles recht gut und kommt schon irgendwie cool, geradezu lässig rüber.

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Die Sitzposition könnte aus meiner Sicht besser sein, da man trotz des geräumigen Innenraumes den Sitz gerne noch weiter hinter stellen würde. Bauart bedingt sitzt man wirklich wie auf einem Thron mit senkrechter Lehne auf einer großen ebenen Showbühne. Die Kopffreiheit dagegen ist auch für große Menschen ideal und ich hätte mir wahrscheinlich ohne Probleme noch einen Zylinder aufsetzen können. Doch davon haben wir ja bereits 8 in unmittelbarer Nähe. Gepaart mit Doppelaufladung mobilisieren diese 544 PS nebst 760 NM Drehmoment, die zumindest geradeaus für Porsche Boxster Fahrleistungen sorgen. Wahrlich herrlicher Nebeneffekt ist das wohl schönste Sidepipe Blubbern, dass ich seit langem gehört habe. Trotz der normalerweise für Soundeinbußen verantwortlichen Turbolader trällert einem der G ein infernalisch schönes Stakkato aus dem seitlich unter den Trittbrettern aus Chrom hervorragenden (Wortspiel) AMG Endtöpfen, dass einen sofort daran erinnert: Powered by AMG! Blubbern, Rotzen, Wummern… Das trifft es in etwa und bei leichten Gasstößen hat man den Eindruck, der 5,5 Liter V8 Biturbo versucht den G zusammenzufalten. So muss das sein!

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Der erste Fahreindruck ist interessant, vor allem da man gefühlte 27 Umdrehungen an der Lenkung benötigt, um abzubiegen. Reminder an mich: Wir sitzen in einem Geländewagen. Ja, ist ja gut – das gehört so. Man darf nicht vergessen, dass im Vorderwagen sozusagen eine Unimog Achse arbeitet und daher die Lenkung logischerweise alles andere als direkt ist. Beeindruckend fand ich den Vorwärtstrieb des G63 AMG – damit meine ich keine (oder nicht nur) Beschleunigungsorgien, sondern der Durchzug, wenn man bspw. auf der Autobahn einfädelt. Unglaublich wie dynamisch (zumindest geradeaus) diese Masse plötzlich wirken kann. 5,4 Sek. Werksangabe vergehen übrigens von 0-100 km/h. Innenbelüftete 375 x 36 mm Scheiben an der Vorderachse und 330 x 22 mm an der Hinterachse sorgen für durchaus vehemente und standhafte Verzögerung. Der Gangwechsel erfolgt über das SPEEDSHIFT PLUS 7G‑TRONIC Automatikgetriebe und kann wahlweise über Schaltpaddel am Lenkrad manuell bedient werden. Die Verbrauchsangabe ist wie so oft eher unrealistisch (auch Dank NEFZ Verfahren), denn 13,8 l/ 100 km habe ich trotz Tempomat und viel Probieren einfach nicht geschafft. Absolutes Minimum waren 14,8 l, wobei das schon eher Schleichfahrt war, nach oben keine Grenze. Aber es sei Ihm gegönnt. 2,6 t Leergewicht, eine Aerodynamik wie eine IKEA Schrankwand gepaart mit der Leistung eines Sattelschleppers wollen versorgt sein. Nebenbei gesagt ist der G63 auf 210 km/h abgeregelt, was irgendwie schade ist. Will man mehr, muss man zum G65 AMG greifen, der bringt es dann auf 612 PS und eine Abregelung auf 230 km/h. Das mag alles aus sicherheitsrelevanten Aspekten geschehen, aber die Frage nach der allgemeinen Sinnhaftigkeit drängt sich hier schon ein wenig auf. Andere „Monster SUV`s“ können da mehr. Richtig Gelände tauglich ist er ebenfalls nur bedingt. Nicht nur wegen der 275/50 R20 Strassenbereifung und der Sidepipes, nein er ist dafür einfach zu schade. Wir haben es trotzdem gewagt ihm leichtes Gelände und matschigen Untergrund anzutun. G bleibt G, trotz AMG Kleidchen. Diese Prüfung hat er glamourös und schmutzig gemeistert. 🙂 Ein Autobahner ist er aber auch nicht so recht, dafür ist er doch relativ unkomfortabel (im Vergleich zu einer S-Klasse bspw.) und geradezu straff ausgelegt. Die Windgeräusche sind bei der kantigen Karosse schon fast logisch. Landstrasse vielleicht? Bewegt man ihn hier im Ansatz nur etwas sportlicher, wird man derart rabiat und massiv vom ESP eingebremst, dass man geradezu erschrickt. Also einfach und immer blubbernd Cruisen und nicht nachdenken.

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Was ist er also der G63 AMG? Faktisch ist er ein Auto, dass kein Mensch braucht. Aber wie so oft sind gerade die unvernünftigen Dinge im Leben irgendwie wunderschön. Man lernt auf alle Fälle Leute kennen. Allen voran den Tankwart, der sich desöfteren daran erfreut, wenn man den 96 l Tank wieder mit Super Plus (!!!) befüllt, oder aber den Nachbarn, der plötzlich nachhaltiges Interesse an den Transportmöglichkeiten des Zimmer großen Kofferraumes zeigt („Ich müsste mal im Baumarkt eine Badewanne abholen. – Die bekommen wir da doch rein.“), oder aber der E-Klasse Fahrer auf der A9, der sich in der Baustelle am Wummern des V8 erfreut hat und das mit „Daumen hoch“ signalisierte. Auch sprechen einen plötzlich wildfremde Menschen aller Altersklassen auf den Wagen an. Er ist einfach ein Hingucker, ein Lifestyle Auto par excellence, denn mit 137.504,50 € Grundpreis ist er wahrlich nicht für die breite Masse gedacht. Er ist aber eine coole Kiste mit Platz und enormer Zugkraft. Für wohlhabende Leute, die in Italien eine kleine Finca besitzen und dorthin einen unbefestigten Weg zurücklegen müssen oder für Leasingnehmer die ein paar € übrig und einfach Lust auf so ein Auto haben.

Auch bei Scheichs ist er gleichermaßen beliebt angeblich. Hier sehe ich noch den ehesten Nutzen, denn im Wüstenstaat geht es zumeist geradeaus, Sprit kostet nichts und so richtig groß sind die Jungs da unten auch nicht, haben aber im Innenraum nach oben Platz für die traditionelle Kopfbedeckung. Und Sand sollte der G63 auch locker wegstecken mit Anlauf. Bei Scheichgebrauch macht auch die Abregelung auf 210 wieder Sinn. Alles darüber wäre fatal bei der nächsten Düne. Man darf aber dennoch davon ausgehen, dass diese Zielgruppe eher zum G65 für spielgeldähnliche 264.180,00 € Grundpreis greifen wird. Spass ist, was man daraus macht und wer es sich leisten kann. Mir hat die Erfahrung durchaus Freude bereitet, auch wenn ich eher die Asphaltvarianten aus dem AMG Portfolio bevorzuge.

Somit also ein Happy End einer heißen neuen Affäre, auch wenn es nicht die große Liebe war. Wir sind gespannt auf die nächsten 33 Jahre des CULT Elefanten.

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2 Kommentare zu (alt) G63 AMG: Elefant auf Speed sucht Terrain zum Austoben – 33 Jahre CULT und kein Ende in Sicht.

  1. Deine Einleitung zeigt, dass du das Konzept SUV nicht verstanden hast. Nimm einen BMW X3 und vergleiche ihn mit einem BMW 3er Touring mit vergleichbarer Ausstattung. Du wirst feststellen, dass der X3 nur marginal mehr kostet, in der Stadt nicht entscheidend mehr verbraucht, im Alltag keine schlechteren Fahreigenschaften hat, nicht mehr Verkehrsfläche braucht (er ist höher, sonst nichts) und eigentlich keine Nachteile bietet. Als Vorteile bietet er mehr Platz, mehr Übersicht, besseres Einsteigen und leichteres Beladen. Das Gleiche kann man mit allen anderen kleineren SUVs durchspielen, die zum Teil noch nicht einmal Allradantrieb haben, schließlich brauchen die meisten Menschen ja auch keinen. Für mich sind SUVs die natürliche Gegenbewegung zu Limousinen, die immer flacher und spochtlicher werden und deren Bodenfreiheit so gering ist, dass man damit noch nicht einmal unbeschadet einen Bordstein hochfahren kann, ohne dass hinterher Plastik auf der Straße liegt. Der Ärger-Faktor, den viele SUVs ausstrahlen, kommt eher von der Maßlosigkeit. Einen V8 mit 450 PS braucht niemand in der Stadt, und da ist es ganz egal, ob er in Form eines Porsche Cayenne oder eines Porsche Panamera dargeboten wird (die übrigens beide dieselbe Plattform teilen). Und unter uns: Diese Maßlosigkeit manifestiert sich natürlich oft auch im rücksichstlosen Auftritt der Fahren. Und am ärgerlichsten sind halt diejenigen, bei denen das Geld so hemmungslos aus den Taschen läuft, dass sie es sich leisten können, einen der kompetentesten Serien-Geländewagen der Welt (Mercedes G) so lange in Richtung Ludenkarre tunen zu lassen, bis er gar nix mehr richtig gut kann. Das ist im Grunde genauso hirnlos wie ein ’79er Käfer mit handlaminierter Carbon-Karosserie, nur weil man sich das eben leisten kann.

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    • Hallo Frank, vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. In gewisser Weise muss ich Dir zustimmen – speziell beim von Dir angesprochenen Duo X3/ 3er. Ich spreche aber eher von großen SUV bzw. richtigen Geländewägen, die man in Deutschland wohlgemerkt nicht so richtig braucht bzw. sinnvoll nutzt. Die G Klasse ist ohne Frage DER Geländewagen schlechthin, als AMG eben eher – wie soll man sagen – nur „nice to have“. Trotzdem natürlich eine richtig coole Kiste. Werde mal einen ausführlichen Test SUV/ Mittelklasse auf die Agenda nehmen. Dir ein schönes WE. AMPR Redaktion/ Oli

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